Normandie - Region der Freiheit

In diesem ersten Bericht von Guido Knopp schildert "Deutschlands berühmtester Geschichtslehrer" Erinnerungsstätten in der Normandie: Montormel, das Friedensmuseum in Caen, Sainte-Mère-Eglise, Arromanches und den dortigen künstlichen Hafen, die Soldatenfriedhöfe in Colleville-sur-Mer und La Cambe. Alle diese Orte stehen in Verbindung mit dem D-Day, der Normandie und sind auch Teil der deutschen Geschichte.

Normandie - Region der Freiheit

Vor 70 Jahren landeten die Alliierten in der Normandie. Die ganze Region gedenkt in diesen Tagen all der jungen Männer, die 1944 dort ihr Leben ließen. Bewegende Erinnerung an Orten, die heute nicht nur wegen der Geschichte mehr als eine Reise wert sind – auch und gerade für deutsche Besucher.

Liebe Normandie-Liebhaber,

Da ist zum einen die eindrucksvolle Gedenkstätte am Montormel. Das ist ein Berg inmitten eines früheren Schlachtfelds – jener Schlacht im Kessel von Falaise, in der das Schicksal des Krieges im Westen schon entschieden wurde. Ein Ort, an dem man wie auf einem Feldherrnhügel steht – im 360-Grad- Modus überblicken wir rundum das ganze Schlachtfeld. Der ausgesprochen nette Leiter der Gedenkstätte erzählt uns, wie bewegend die Begegnungen von Veteranen beider Seiten waren, die sich an jenem Ort umarmten, wo sie Jahrzehnte zuvor noch aufeinander geschossen hatten.

Oder das exzellente Memorial de Caen. Ich habe selten ein besseres Museum gesehen. Was heißt Museum? Es ist ein Erlebnishaus. Hier wird die alliierte Landung in der Normandie eingebettet in eine Gesamtgeschichte des 20. Jahrhunderts – vom Ersten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer von Berlin. Errichtet ist es über einem authentischen Ort – dem früheren Befehlsbunker des Kommandanten der deutschen 71. Infanteriedivision. Eine so moderne Sicht von Geschichte, die das Geschehen fair und sorgsam einordnet, sucht ihresgleichen.

Und wenn wir schon von eindrucksvollen Erinnerungsstätten reden – in Arromanches, direkt an der Atlantikküste, liegt eine weitere. 1944 wurde hier direkt am „Gold Beach“ ( wo britische Verbände landeten ) ein künstlicher Hafen gebaut, über den Truppen und Nachschub an Land gebracht wurden. Reste dieses Hafens sind noch immer sichtbar. Und inmitten von alldem befindet sich Arromanches 360°“, das auf neun Leinwänden mit original vertonten Filmausschnitten ein packendes Szenario der alliierten Invasion vor Augen führt.

Etwas weiter auf der Halbinsel Cotentin, in dem hübschen Ort Sainte Mere Eglise, landeten in der Nacht zum D-Day amerikanische Fallschirmjäger. Einer von ihnen landete unfreiwillig auf dem Kirchturm und blieb stundenlang dort hängen. Sein Missgeschick wurde in dem Hollywood-Blockbuster „Der längste Tag“ verfilmt. Heute ist der ganze Ort ein einziges Fallschirmjäger-Memorial. Es gibt Fallschirmjäger-Schirme, Fallschirmjäger-Kuchen und natürlich Fallschirmjäger-Calvados.

Apropos Calvados. Bei aller Geschichte sollte nicht vergessen werden, dass die Normandie eine Region der ganz besonderen kulinarischen Köstlichkeiten ist. Die drei berühmten C`s der normannischen Küche stehen für sich: Cidre, Camembert und Calvados. Und dann natürlich Austern, Jakobsmuscheln, die Coquilles St. Jacques: man erhält sie nirgendwo so frisch und gut wie in den Restaurants der Normandie – wo man gerne, gut und viel isst. Man nennt sie auch zu recht die „Gourmandie“.

So gestärkt, geht es am Ende zu zwei eindrucksvollen Soldatenfriedhöfen in der Nähe. Direkt am Omaha Beach, wo amerikanische Truppen am 6. Juni blutige Verluste hinnehmen mussten, liegt der amerikanische Soldatenfriedhof von Colleville-sur-Mer, der heute im Besitz des amerikanischen Kongresses ist.Eine endlose Kette von weißen Kreuzen, in der jeder Gefallene namentlich verewigt ist. Ein magischer Ort: Unten der Strand, an dem Tausende von jungen Männern für die Freiheit Europas ihr Leben gelassen haben. Oben der Friedhof, der in dem US-Film „Der Soldat James Ryan“ für bewegende Szenen steht.

Ganz anders zeigt sich, nicht weit entfernt, der deutsche Soldatenfriedhof von La Cambe. Hier liegen all die jungen Menschen, die für ein diktatorisches Regime ihr Leben lassen mussten – zum Teil in anonymen Gräbern. Hier gibt es keine hellen, sondern dunkle Kreuze. Das ist angemessen. Doch trotz alledem – es ist ein würdiger Ort.

Mein Fazit: Die Normandie – das ist für mich das Land der Freiheit. Denn die Befreiung, für die die alliierten Landungstruppen im Morgengrauen des 6. Juni 1944 angetreten waren, galt nicht nur den unterdrückten Völkern Westeuropas, sondern letzten Endes auch den Deutschen selbst, die sich von der Tyrannei in ihrem Land selbst nicht befreien konnten. Das macht die Normandie in diesen Tagen zu einem Ort der guten europäischen Geschichte.