Le Havre und die Seine-Mündung

Normandie Tourisme
Modernität gehört zum Selbstverständnis der Stadt. Schon deshalb, weil sie als Gründung von François I. weniger alt ist als andere. Bereits in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts erweckt Le Havre das Interesse von Malern der Romantik. Turner und Bonington malen hier Licht erfüllte Aquarelle. Géricault lässt sich von den Farben des Meeres und des Himmels zu seinem Meisterwerk Radeau de la Méduse inspirieren.

Le Havre

In den Jahren 1840-1850 stellt ein Bilderrahmen-Hersteller namens Boudin die Malergrößen jener Epoche aus, Troyon, Isabey, Couture und diejenigen, die im Begriff sind es zu werden, Millet, Courbet oder Jongkind. Boudin selbst wendet sich der Malerei zu und wird alsbald zum Katalysator für die Kunst der Übrigen. Er unterweist den jungen Monet. Mit diesem und Jongkind bildet er ein unzertrennliches Trio. Monet nähert sich darüber hinaus Courbet.

Die Ausstellung Maritime Internationale 1868 wird zum Schlüsselereignis. Sie versammelt die Maler der Ecole jeune und wagt es, mit Manet, Monet, Courbet und auch Boudin genau die Künstler zu prämieren, die der Pariser Salon zuvor abgelehnt hatte. Monet entwickelt seine Maltechnik, die ihn in der Folge zur Leitfigur des Impressionismus macht. Es entsteht das famose Terrasse à Sainte-Adresse und einige Jahre später Impression, Soleil levant, das dem Impressionismus zu seinem Namen verhalf.

Als Reaktion auf die eher akademische Malerausbildung an der Kunstakademie entsteht die Ecole du Havre, zu der revolutionäre Maler wie Dufy, Friesz und Braque gehören.

Seine Klassifizierung als Weltkulturerbe der UNESCO verdankt die Stadt vor allem dem Architekten Perret. Nach dessen Plänen erfolgt der Wiederaufbau nach dem Krieg. Selbst wenn man Betonarchitektur und schnurgerade Straßen nicht unbedingt schätzt, so muss man doch uneingeschränkt zugeben, dass dieser Anhänger moderner Architektur die Vorliebe für Licht durchflutete Szenerien mit den Impressionisten teilt!

> Le Musée Malraux

Das aktuelle Museum der Schönen Künste hat nichts mehr mit jenem zu tun, das Monet einst malte. Dieses versank nach den Bombenangriffen in Schutt und Asche. Sein Nachfolger wurde 1961 eingeweiht und kürzlich renoviert, um die prachtvolle Stiftung Senn-Foulds aufzunehmen. Es liegt direkt am Meer. Seine außergewöhnliche Architektur schafft eine museale Landschaft voller Licht und hoher Transparenz. Man könnte sich wohl kaum einen besseren Rahmen für die Präsentation einer Kunstrichtung vorstellen, die sich stets auf der Suche nach Licht und Luft befand. Nicht zuletzt durch bedeutende Legate sind alle malerischen Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts reich vertreten. Die Romantik durch Géricault und Delacroix, der Naturalismus durch Corot, der Realismus ist mit Courbet und Millet zur Stelle, Boudin, Jongkind und Lépine repräsentieren den Vor-Impressionismus. Nach dem Pariser Musée d'Orsay findet sich hier die zweitgrößte Impressionismus-Kollektion Frankreichs. In Sachen Post-Impressionismus vermag man angesichts der außergewöhnlichen Qualität der gezeigten Werke kaum zu entscheiden, wer aus dem Streit zwischen Fauvisten und Nabis als Sieger hervorgegangen ist.

Der Rundgang sollte mit Courbets Bild La Vague, ausgeführt in Malmessertechnikt, beginnen. Ohne selbst dem Impressionismus anzugehören, wendet sich dieser Meister mehr und mehr der Landschaftsmalerei zu, vor allem in der Normandie. Damit weist er den Impressionisten den Weg, die ihrerseits ihre Themen direkt an Ort und Stelle malen.

Was Monet angeht, so zieht die Familie nach Le Havre als er fünf Jahre alt ist. Seine Begegnung mit Boudin stellt die entscheidenden Weichen. Die Stadt Le Havre wird ihm als erste Kommune einige seiner Bilder abkaufen. Im Parterre des Museums findet sich eine quadratische Nymphea von Monet. Von den anderen bedeutenden Exponaten seien noch das Bateaux au Soleil couchant von Manet und zwei Ansichten des Hafens von Le Havre von Pissarro sowie der Excursionniste von Renoir genannt.

> Das Hafenviertel

Der Leuchtturm, den Boudin in seinem Coup de Vent devant Frascati einst auf die Leinwand brachte, wacht immer noch vor dem Musée Malraux über die Hafeneinfahrt. Monet, der sich 1872 im Hotel de l'Amirauté einmietet, malt dort vom Fenster aus sein berühmtes Impression, Soleil levant.

> Office de tourisme du Havre

Wichtig: In seinem Programm bietet Ville d'Art et d'Histoire ganzjährig Veranstaltungen und Besichtigungen zum Thema Impressionismus an.

> Office de tourisme d’Harfleur

 

Wir danken Jacques Silvain Klein für die Überlassung seiner Artikel, die er für den Reiseführer Le Routard "La Normandie des Impressionnistes" verfasst hat. Dieser ist im Buchhandel erhältlich.

In der Umgebung von Le Havre

> Sainte-Adresse

Der ehemalige Fischerhafen wandelte sich zum beliebten Seebad. Der Vater von Monet und seine Tante bewohnten eine Villa auf einem Felssporn hoch über dem Meer. Diese beiden porträtiert er mit dem Rücken zum Meer in der ersten Etage des Hauses. Es entsteht Terrasse à Sainte-Adresse, eines seiner ersten impressionistischen Werke. Einige Jahre später geht Dufy in seinem l'Estacade à Sainte-Adresse einen weiteren Schritt in Richtung Fauvismus.

> Ein impressionnistischer Rundgang

Wer von Le Havre kommend auf der Strandpromenade anlangt, bewegt sich auf den Spuren der Impressionisten. Mehrere Reproduktionen ihrer Meisterwerke befinden sich exakt dort (am Motiv), wo diese einst entstanden.

> Harfleur

Viele Maler erliegen dem Charme dieses mittelalterlichen Dorfes mit seinen Gassen, seinen Fachwerkhäusern und dem Flüsschen La Lezarde. Unter anderen: der Engländer Turner, der Deutsche Schirmer und der Holländer Jongkind.

> Tancarville

Zu der Zeit, als Turner sein Tancarville vu du Fleuve malt, ist die Schifffahrt auf diesem Abschnitt der Seine einigermaßen risikoreich. Die von der Vegetation überdeckte Schlossruine von Tancarville hoch oben über dem Fluss verstärkt den bedrohlichen Aspekt dieser Szene.