Hinter dem Anschein eines friedlichen Großvaters verbirgt sich ein abenteuerlicher Geist – und hinter seinem grünen Daumen ein rebellischer Pinselstrich. Claude Monet sprang mit beiden Füßen in die Moderne und wirbelte mit seiner Künstlergruppe die Kunstgeschichte durcheinander. Ein Porträt des Vaters des Impressionismus (1840–1926).

Sie nennen das eine Karikatur?

Ja, genau – mit Karikaturen in der Presse startete der junge Oscar-Claude Monet seine künstlerische Laufbahn! Seine Zeichnungen von großen Persönlichkeiten mit übergroßen Köpfen finden in seiner Heimatstadt Le Havre durchaus Anklang. Sie wecken die Aufmerksamkeit von Eugène Boudin, der ihn einlädt, gemeinsam unter freiem Himmel zu malen. Für Monet ist das ein Schlüsselmoment: „Es war, als ob ein Schleier zerrissen würde“, bekennt er später. Mit 19 zieht er nach Paris – und dort beginnt das Abenteuer mit Pissarro und Guillaumin, später auch mit Sisley, Bazille und Renoir.

Monet – ein ‚bewegter‘ Maler

Stillhalten? Nicht sein Stil! Monet schlägt sein Staffelei in Paris, Fontainebleau, Argenteuil, Vétheuil, Honfleur, Rouen, Dieppe, Étretat oder Fécamp auf – später auch an der Mittelmeerküste, in London, den Niederlanden, Oslo und Venedig. Als Maler der Bewegung greift er die Moderne auf und nutzt das neue Eisenbahnnetz, um unbekannte Gegenden zu erkunden.
Er ist zudem vom Orient fasziniert und sammelt japanische Holzschnitte, die man heute noch in seinem Haus in Giverny bewundern kann – dort zieht er mit 43 Jahren ein.

Regatten in Sainte-Adresse

Monet, der Feinschmecker

Es ist punkt 11:30 Uhr – und Monet sitzt schon am Tisch. Gutes Essen ist für ihn eine ernste Angelegenheit. Die Hochzeitsmenüs seiner Familie lesen sich wie kleine kulinarische Meisterwerke. Monet ist ein Feinschmecker und Lebemann, der im Rudel lebt – stets umgeben von Freunden. Mit Pissarro, Sisley, Rodin, Cézanne, Bonnard, Guitry oder Clémenceau verbindet ihn eine tiefe, treue Freundschaft.

Besessen von Farbe

Monet sprengt alle Regeln: Er ist nicht nur Teil einer revolutionären Kunstbewegung, die unter freiem Himmel arbeitet, sich von akademischen Themen abwendet und stattdessen das Alltägliche aufgreift – er zersplittert die Farbe in individuelle Pinselstriche und erfindet zudem das Konzept der Serie. So malt er die Getreideschober, Pappeln oder die Kathedralen von Rouen immer wieder, zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten, aber im identischen Format.

„Andere Maler malen eine Brücke, ein Haus, ein Boot – und dann sind sie fertig. Ich aber will die Luft malen, in der sich die Brücke, das Haus, das Boot befinden. Die Schönheit der Luft, die sie umgibt – und das ist nichts Anderes als das Unmögliche.“

Die Seerosen von Monet

Monet und die Moderne

Die Seerosen, die Monet in seinen Teichen kultiviert, werden zu seiner Obsession.
Sie zu malen ist ab den frühen 1890er-Jahren bis zu seinem Tod 1926 sein letztes großes Projekt. Nahezu 300 Gemälde widmet er ihnen – darunter 40 monumentale Tafeln, für die er ein riesiges Atelier in Giverny errichten lässt. In den ovalen Sälen des Musée de l’Orangerie, wo die Nymphéas sich über fast 100 Meter Länge und zwei Meter Höhe erstrecken, fühlt man sich weit über den Impressionismus hinausversetzt – hin zu einer neuen Form der Bildkonzeption, die bereits die Abstraktion von Künstlern wie Joan Mitchell oder Sam Francis erahnen lässt.

Monets Seerosen, Musée de Vernon

Auf den Spuren von Monet

Wer Monets Lebenskunst wirklich begreifen will, sollte unbedingt nach Giverny reisen – um in die einzigartige Atmosphäre seines Hauses, seines Ateliers und seiner Gärten einzutauchen, bevor man an seinem Grab auf dem kleinen Friedhof des Ortes innehält. Ein Spaziergang über den Kai von Southampton in Le Havre, wo für ihn alles begann, das Beobachten des Sonnenlaufs über der Kathedrale von Rouen und ein Moment auf den Klippen von Étretat, die ihn faszinierten – all das ist ein sinnlicher Einstieg in die Welt des Malers. Zahlreiche Museen zeigen Werke des Meisters. Unter den vielen Meisterwerken, die in den Museen der Normandie und in Paris zu sehen sind, stechen besonders hervor: der Nymphéas-Saal im Musée de l’Orangerie, das ikonische Impression, Sonnenaufgang im Musée Marmottan-Monet, die Kathedralen von Rouen im Musée d’Orsay, Effets de soleil couchant à Pourville im Musée de Vernon, Vue générale de Rouen im Musée des Beaux-Arts von Rouen oder Le Parlement de Londres im MuMa in Le Havre.

Verfasst von Vinciane Laumonier

Den Impressionismus auf andere Art entdecken

Unsere Auswahl echt normannischer Erlebnisse

Bei unseren echt normannischen Erlebnissen begegnen Sie engagierten Locals, die Ihnen mit viel Leidenschaft und Wissen ihre Region zeigen.