Ob Wikinger, Herzöge, Geistliche oder Baumeister – die Normannen des Mittelalters haben die Identität und die Geschichte der Region geprägt und die Landkarte des mittelalterlichen Europas neu gezeichnet. Sie hinterließen zudem ein beeindruckendes Erbe, über dem bis heute das rote Banner mit den goldenen Leoparden weht, das Wahrzeichen der Normandie. Abteien, Burgen, Ruinen, Handschriften und der berühmte Teppich von Bayeux – sie alle zeugen von dieser reichen tausendjährigen Geschichte.
Die Wikinger werden Normannen
Alles beginnt mit der Ankunft der Nordmänner. Nach zahlreichen Überfällen in der Nordsee und im Ärmelkanal erreichen die Wikinger unter Führung eines gewissen Rollo in den 880er-Jahren die Seinemündung. Die skandinavischen Raubzüge häufen sich in einem Gebiet, das damals noch nicht die Normandie ist. Klöster brennen, die Bevölkerung flieht. Rollo wird zum Anführer der Wikinger an der Seine – doch dabei bleibt es nicht.
Im Jahr 911 verändert eine politische Entscheidung den Lauf der Geschichte: Der karolingische König Karl der Einfältige verhandelt und überlässt Rollo ein weitläufiges Gebiet rund um Rouen – der Vertrag von Saint-Clair-sur-Epte. Rollo tritt zum Christentum über und verpflichtet sich, das Land gegen weitere Einfälle zu verteidigen. Im Gegenzug erhält er Land, einen Titel und Legitimität. In weniger als einem Jahrhundert nehmen die Wikinger den christlichen Glauben an, übernehmen die örtliche romanische Sprache und bauen die zuvor zerstörten Abteien wieder auf: Die Normandie ist geboren. Ihren Namen verdankt sie den „Northmen“, den Männern aus dem Norden. Die Spuren der Wikinger finden sich bis heute auch in den Ortsnamen: Bolbec, Caudebec, Yvetot, Honfleur, Barfleur – diese eigentümlich klingenden Namen stammen aus dem Altnordischen, der Sprache der skandinavischen Seefahrer. „bec“ bezeichnete einen Bach, „tot“ ein Anwesen, „fleur“ eine Flussmündung.
Die Eroberungen der Normannen

Im 10. Jahrhundert dehnt sich die Normandie unter Wilhelm Langschwert (dem Sohn Rollos) und später unter Richard I. nach Westen aus. Sie umfasst nun auch das Cotentin sowie die Kanalinseln. Mehrere Städte entwickeln sich zu bedeutenden Machtzentren: zunächst Rouen und Bayeux, später Fécamp, Falaise und Caen.
Dann prägt ein neues Kapitel die Geschichte – das von Wilhelm dem Eroberer. Um 1027 in Falaise geboren, unehelicher Sohn von Herzog Robert dem Prächtigen und der Tochter eines Falaiser Handwerkers, trägt er schon als Kind den Beinamen „der Bastard“. Nach dem Tod seines Vaters erbt er das Herzogtum und setzt sich nach und nach gegen die normannischen Barone durch, die seine Autorität nicht anerkennen wollten. 1066 überquert er mit rund 15.000 Mann und einer Flotte von mehr als 1.000 Schiffen den Ärmelkanal und gewinnt die Schlacht von Hastings gegen den angelsächsischen König Harold II. Er wird zum König von England gekrönt – eine Eroberung, die der Teppich von Bayeux verewigt hat und die die Geschichte Europas nachhaltig verändern sollte.
Andere normannische Adlige nehmen Kurs nach Süden. Die Familie Hauteville aus dem Cotentin erobert nach und nach Süditalien (1047–1059) und Sizilien (1060–1080) – Regionen, in denen ihre Spuren bis heute sichtbar sind.
Diese normannischen Königreiche in England und Sizilien lassen die normannische Kultur erstrahlen und bringen grandiose Bauwerke hervor: den Tower of London und die Kathedralen von Winchester, Norwich und Canterbury jenseits des Ärmelkanals sowie die Kathedrale von Cefalù im Mittelmeerraum. In Caen entstehen zugleich die größte Burganlage Europas (5,5 Hektar) und die imposanten Abteien, die Wilhelm der Eroberer und seine Frau Mathilde von Flandern gestiftet haben.
Ein mächtiges Herzogtum
Im 12. Jahrhundert bildet die Normandie das Herzstück eines weitläufigen Herrschaftsgefüges. Heinrich II. Plantagenet, seine Frau Eleonore von Aquitanien und ihre Söhne – darunter Richard Löwenherz – regieren ein Reich, das sich ständig verändert. Ihr Herrschaftsgebiet erstreckt sich über die westliche Hälfte Frankreichs, dazu über England sowie große Teile von Wales und Irland.
Der Hof ist auf Reisen, die Künste zirkulieren, die Burgen werden zu Symbolen der Macht. In dieser Zeit erhält die Normandie auch ihr gotisches Gesicht: Die Kathedralen von Rouen, Bayeux, Coutances und Sées zeugen von einer technischen Meisterleistung und bemerkenswerter Ästhetik.
1204 gliedert der französische König Philipp II. August das Herzogtum seinem Reich an. Die Normandie wird Provinz des Königreichs, verliert ihre Identität deshalb aber nicht. Sie steht im Zentrum des Machtkampfs zwischen den Plantagenets, den Erben der englischen Krone, und den Kapetingern, den Erben des französischen Throns. Zwischen 1337 und 1453 geraten die normannischen Städte und Dörfer in die Wirren des Hundertjährigen Krieges.
Das Herzogtum erlischt 1469 endgültig – auf königlichen Befehl wird der Herzogsring nach 558 Jahren im Saal des normannischen Gerichtshofs in Rouen zerschlagen. Zurück bleibt ein architektonisches und kulturelles Erbe von großer Dimension: Burgen, Abteien, gotische Kathedralen und legendäre Persönlichkeiten erzählen auf ihre Weise von tausend Jahren Geschichte, die den Lauf der Normandie, Frankreichs und Europas verändert hat.

