Mein Enkelkind Ben (9) und ich, Frank (62), sind große Mittelalterfans. In Bens Sommerferien gehen wir liebend gern auf Mittelalterfeste, schauen bei Ritterturnieren zu und üben uns im Bogenschießen. Wir lieben die kunterbunte Atmosphäre mit viel Musik und stellen uns gemeinsam vor, wie das Leben damals wohl gewesen ist. Im Familienurlaub in der Normandie besuchen Ben und ich deshalb unbedingt den Teppich von Bayeux. In Bayeux erwartet uns eine echte Zeitreise ins Mittelalter. Wir erleben die spannende Geschichte von Wilhelm dem Eroberer, dem berühmten normannischen Herzog, und der Schlacht von Hastings 1066!

Der Teppich von Bayeux – ein Comic aus dem Mittelalter

Hinweis

Aufgrund der globalen Corona-Pandemie kann aktuell nur der Teppich von Bayeux, nicht aber die Dauerausstellung besucht werden. Das Bayeux Museum hofft, die Dauerausstellung bald wieder eröffnen zu können. Dann wird auch der 16-minütige Film (Frz./ Eng.) wieder gezeigt, der Szenen aus der historischen Schlacht darstellt. Die Dauerausstellung erzählt die Entstehungsgeschichte des Wandteppichs in Englisch und Französisch.

„Opa, schauen wir uns jetzt wirklich einen Teppich an?!“, fragt mich Ben . Die Idee, einen „Teppich“ zu besichtigen, gehört offensichtlich nicht zu seinem Verständnis eines „echten Mittelalter-Abenteuers“. Ich erkläre ihm, dass es sich beim Teppich von Bayeux nicht um irgendeinen Bettvorleger handelt. Sondern um eine der wichtigsten Originalquellen aus dem Mittelalter. „Es ist außerdem gar kein Teppich, sondern ein 70 Meter langes Leinentuch mit 58 gestickten Szenen, das eine Geschichte erzählt – wie im Comic!“. Diese Erklärung weckt Bens Neugier.

Tatsächlich könnte man den Teppich von Bayeux als historischen Comic bezeichnen. Im 11. Jahrhundert waren die meisten Menschen Analphabeten und die Darstellung von historischen Ereignissen in Bildern sehr häufig. Heute jedoch ist Wandteppich von Bayeux eines der letzten Zeugnisse aus dem Mittelalter und gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Der Teppich von Bayeux wurde von Bischof Odo, dem Halbruder Wilhelm des Eroberers, in Auftrag gegeben. Das Leinentuch sollte die neue Kathedrale von Bayeux schmücken. Es erzählt bis heute die Geschichte der Eroberung Englands 1066 aus normannischer Sicht. Der Teppich hat sein eigenes Museum in Bayeux und nimmt uns mit auf eine Reise zu den Normannen und ihrem Herzog Wilhelm. Sein Sieg in der Schlacht von Hastings machte ihn in England und Frankreich zur Legende.

Alles ist dunkel und vor uns erwacht das Mittelalter zum Leben

Nachdem wir am Empfang deutschsprachige Audioguides erhalten haben, gehen wir in einen dunklen Raum. Die Decke aus Holz ist sanft beleuchtet und sieht aus wie ein umgedrehtes Wikingerschiff. Denn tatsächlich sind die Normannen – die Nordmänner – im 9. Jahrhundert als Wikinger nach Nordwestfrankreich gekommen. Unser Blick fällt jedoch gleich auf die große, runde Vitrine in der Mitte, um die wir in den nächsten ca. 45 Minuten einmal herumgehen und Stück für Stück das Abenteuer von Wilhelm dem Eroberer erleben.

Farben über Farben mit 626 Charakteren und 202 Pferden

„Das sieht ja wirklich aus wie im Comic!“, ruft Ben, und zeigt auf die normannischen Ritter mit ihren Helmen, Hauberk-Rüstungen und Schilden. „Man sieht sogar, wie die Pferde sich bewegen!“ – tatsächlich ist der Teppich von Bayeux ein Farbspektakel, dynamisch und mitreißend.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1064. Der englische König Eduard der Bekenner (Edward the Confessor) bittet seinen Schwager Harald II., in die Normandie zu reisen. Harald II. soll Eduards Cousin Wilhelm die englische Krone anbieten. Nach dem Tod Eduard des Bekenners beansprucht Harald II. jedoch die englische Krone für sich. Wie einst die Wikinger in Langbooten setzt daraufhin Wilhelm mit einer ca. 7.000 Mann starken Armee nach England über, um „seinen“ Thron zurückzuholen. Auch, wenn das Ende des Leinentuchs heute fehlt, so wissen wir doch, dass Wilhelm erfolgreich war. Er gewann die Schlacht von Hastings 1066 gegen Harald II. Daraufhin krönte er sich zum König von England und hieß nun nicht mehr „Wilhelm der Bastard“, sondern „der Eroberer“.

Die Reise geht weiter…

Staunend blicken wir am Ende auf den Teppich und die Geschichte, die wir Szene für Szene mit unseren Audioguides verfolgen konnten. Die knapp 45 Minuten gingen vorbei wie im Flug, während wir mit Wilhelm über den Ärmelkanal segelten und bei seinem Abenteuer mit fieberten. Unsere Reise ins Mittelalter ist hier noch nicht zu Ende. Im ersten Stock des Museums wartet eine kindgerechte Ausstellung zur Schlacht von Hastings auf uns. Ben kann Szenen des Teppichs mit seinen Fingern auf einem Relief nachziehen, es werden Langboote und Rüstungen ausgestellt. Die Informationen über die Entstehungsgeschichte des Teppichs und die Interpretation der historischen Darstellungen interessieren mich besonders. Am Ende unseres Vormittags sind wir voller neuer Eindrücke und haben das Gefühl, die Normannen besser zu kennen.

Wilhelms Kathedrale

Nach unserem Besuch spazieren wir zu Fuß in die gotische Kathedrale von Bayeux. Hier war der Teppich im Mittelalter regelmäßig zu sehen. Seine Geschichte brachten schon die Augen der mittelalterlichen Kaufleute, Steinmetze, Marktfrauen und Bauern zum Leuchten. Unser Tipp: Jedes Jahr im Dezember findet der Teppich von Bayeux mit dem Lichtspektakel „Williams Cathedral“ seinen Weg zurück in die Kathedrale von Bayeux.

Wo kann man den Teppich von Bayeux sehen?

Informationen zu Tickets, Preisen und Öffnungszeiten finden Sie auf Englisch auf der Website des Bayeux Museums.

Bayeux Museum
13 bis rue de Nesmond
14400 Bayeux
Website Bayeux Museum

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