Monet war sein Urgroßvater. Heute ist Philippe Piguet Kunstkritiker, Spezialist für Claude Monet und Kurator von Ausstellungen zum Impressionismus.

Welche Kindheitserinnerungen haben Sie von Giverny?
Ich habe dort alle meine Ferien verbracht, im Haus meiner Großmutter, wo ich manchmal mit meinem Bruder in Monets Atelier spielte oder im Teich Rotaugen angelte. Ich habe miterlebt, wie sich das Dorf im Laufe der Zeit veränderte und wie sich ab den 1960er Jahren nach und nach ein internationales Interesse an diesem Ort entwickelte. Monet hatte sich dort 1883 niedergelassen, zusammen mit meiner Urgroßmutter Alice, die er 1892 heiratete. Er lebte dort 43 Jahre lang in einer familiären und genussfreudigen, aber disziplinierten Atmosphäre, oft umgeben von Freunden.

Portrait von Philippe Piguet
Philippe Piguet, Urenkel von Claude Monet

Wer war Monet für Sie?
Ein Patriarch, dessen künstlerische Bedeutung mir völlig entgangen war. Im familiären Umfeld galt er als zugleich liebevolle und autoritäre Persönlichkeit. Ich sehe ihn als einen Maler des Glücks, der Farben und des Alltags.

Inwiefern hat dieses Eintauchen in den Impressionismus Ihr Leben beeinflusst?
Es weckte in mir das Interesse an der Familiengeschichte. Als Teenager mussten meine Geschwister und ich abwechselnd das Wochenende bei meiner Großmutter verbringen. Damals durchsuchte ich das Haus nach Fotos und Briefen und legte mein erstes Familienarchiv an. So habe ich das Leben von Monet in Giverny nacherzählt und mich in der Folge als Historiker des Malers und Spezialist für meine Großtante Blanche Hoschedé-Monet, die selbst Malerin war, positioniert. Zwischen 1973 und 1984 habe ich sogar Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in einem Teil unseres Hauses veranstaltet.

Welches impressionistische Gemälde berührt Sie am meisten?
Das Porträt von Germaine Hoschedé und ihrer Puppe, das Monet 1877 gemalt hat und das meine Großmutter als Kind zeigt. Es stand früher in ihrem Esszimmer. Heute befindet es sich im Kimbell Art Museum in den Vereinigten Staaten.

Und der Ort, an dem Sie die impressionistischen Schwingungen spüren, wie sie Ihr Vorfahr wahrgenommen haben mag?
Die berühmte japanische Brücke über das Seerosenbecken sticht natürlich hervor, aber ich denke auch an die Pappeln am Ufer der Epte, nur einen Katzensprung von Giverny entfernt, die ihm als Vorlage für eine wunderschöne Serie von 23 Gemälden dienten und die zu einem Spaziergang entlang des Flusses einladen.

Sie begeistern sich für zeitgenössische Kunst. Welche Verbindung sehen Sie zwischen dem Impressionismus und dem heutigen Kunstschaffen?
Der Impressionismus hat die Farbe in kleine, individuelle Pinselstriche zerlegt, die heute dem Pixel ähneln. Die Frage nach der Serie, die sich durch die Erschöpfung des Themas auszeichnet, entstand mit dem Impressionismus und hat sich zu einem der heute am häufigsten verwendeten künstlerischen Ansätze entwickelt. Ebenso erinnert das Eintauchen in die digitale Welt an das Eintauchen der Impressionisten in die Farbe! Diese Bewegung spielt eine wichtige Rolle als Wegbereiter für das zeitgenössische künstlerische Schaffen.

Bei welchem zeitgenössischen Gemälde verspüren Sie heute ein impressionistisches Gefühl?
Bei den Gemälden der amerikanischen Künstlerin Joan Mitchell, deren abstrakte Malerei eine Vielzahl sinnlicher Kompositionen aus Farben und Licht hervorbringt. Sie ließ sich in den 1960er Jahren in Vétheuil nieder, direkt über dem Haus, in dem Monet gelebt hatte, bevor er nach Giverny zog. Eine sehr enge Freundin hat mir viel über den Einfluss Monets auf die amerikanische Malerei beigebracht.

Sie sind Generalkurator des Festivals „Normandie Impressionniste 2020“. Welchen Geist möchten Sie dieser Ausgabe verleihen?
Man vergisst leicht, wie sehr der Impressionismus die Gewohnheiten auf den Kopf gestellt hat. Er war die erste künstlerische Bewegung der Dritten Republik, die sich gegen die Autorität des Salons auflehnte, der sich zum Schiedsrichter der Künste aufschwang. Diese rebellische Bewegung sah sich einer äußerst feindseligen Gesellschaft gegenüber, die jede Innovation ablehnte. Ich wünsche mir, dass dieses Festival ebenso in der Lage ist, etablierte Normen und Erwartungen zu erschüttern. Dass es von der Vergangenheit und der Kraft der Geschichte dieser Bewegung zeugt und gleichzeitig einen Einblick in die Anliegen der Künstler von heute bietet.

Wo kann man dem Impressionismus heutzutage nahe sein? Tipps von Philippe

Eine Landschaft zum Betrachten…

Erklimmen Sie die Klippen von Etretat! Der Anblick ist atemberaubend. Das Meer, der Himmel und das Wasser spielen in unglaublichen, sich ständig verändernden Farbtönen miteinander. Man sagt, der Impressionismus sei eine elementare Kunstform. Durch die Farbe fügt er ihr das Feuer hinzu. Hier haben Sie das Gesamtbild!

Ein Fleckchen auf dem Land…

La Bouille, an einer Schleife der Seine in der Nähe von Rouen gelegen. Das Dorf hat zahlreiche Maler inspiriert und ist einfach bezaubernd.

Ein Ort zum Leben…

Das Tetris, ein Veranstaltungsort und Kreativzentrum in Le Havre. Hier spüre ich den gemeinschaftlichen und geselligen Geist der Impressionisten und die künstlerische Lebendigkeit, die sie damals erlebt haben.

Ein sonntägliches Vergnügen…

Ein Spaziergang entlang der Strandpromenade von Cabourg oder eine Bootsfahrt auf der Seine – das darf man sich nicht entgehen lassen!

Ein Stadtrundgang…

Warum nicht einmal die großen Boulevards von Paris erkunden? Monet, Pissarro oder Caillebotte haben dort ihre Pinsel schwingen lassen. Zum Beispiel am Boulevard des Italiens oder am Boulevard des Capucines!

Den Impressionismus auf andere Art entdecken

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