Von allen Herzögen der Normandie ist Wilhelm der Eroberer ohne Zweifel der bekannteste und faszinierendste. Seine Gestalt ist fest in unserer mittelalterlichen Vorstellung verankert. Doch abgesehen von seiner größten Tat – der Eroberung Englands im Jahr 1066 – kennen wir ihn wirklich?
Wilhelm der Bastard – woher stammt dieser Beiname?
Wilhelm stammt aus einer Linie mächtiger skandinavischer Fürsten und wird im Jahr 1027 auf der Burg von Falaise geboren. Er ist das Kind einer außerehelichen Verbindung zwischen Robert dem Prächtigen, Herzog der Normandie, und Arlette, der Tochter eines Gerbers. Aus Sicht der Kirche gilt er als Bastard, doch seine Herkunft entspricht durchaus den normannischen Sitten jener Zeit, in der mehrere Konkubinen in sogenannten Unions more danico („auf dänische Art“) akzeptiert wurden.

Der schwierige Start als Herzog der Normandie
Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1035 wird Wilhelm im Alter von nur acht Jahren Herzog der Normandie. Obwohl Wilhelm minderjährig ist, erhält er den Titel des Herzogs der Normandie – zum Leidwesen einiger normannischer Barone. Als Wilhelm 1046 volljährig ist, wird er beinahe Opfer eines Mordanschlages, der von eben diesen Baronen ausgeht. Er muss mitten in der Nacht aus Valognes fliehen, über die Veys-Bucht und bis nach Falaise, wo er Schutz findet. Der Reitwanderweg „La Chevauchée de Guillaume“ ist heute nach diesem Ereignis benannt. 1047 besiegt der junge Wilhelm in der Schlacht von Val-ès-Dune die aufständischen Barone und stärkt so seine Autorität gegenüber dem normannischen Adel.
Mathilde – Hochzeit aus Liebe oder aus Vernunft?
Um das Jahr 1052 heiratet Wilhelm eine entfernte Cousine, Mathilde von Flandern. Sie stammt aus hohem Adel: Tochter des Grafen von Flandern und mütterlicherseits Nachfahrin von Hugo Capet – eine erstklassige Verbindung und ein bedeutender gesellschaftlicher Triumph nach Jahren angezweifelter Legitimität. Doch diese Ehe beruht vor allem auf leidenschaftlicher Liebe. Gezeichnet durch seine uneheliche Herkunft bleibt Wilhelm Mathilde zeitlebens treu – eine Seltenheit in jener Zeit! Ein Zeichen dieser unerschütterlichen Liebe: Sie schenkt ihm mindestens zehn Kinder, übernimmt während seiner Abwesenheit die Regentschaft in der Normandie und wird 1068 sogar zur Königin von England gekrönt.
Ein geborener Baumeister
Diese Ehe wird jedoch von der Kirche verboten – insbesondere wegen der nahen Verwandtschaft der Eheleute. Um Buße zu tun, stiftet das Paar zwei prachtvolle Abteien in Caen: die Abbaye-aux-Hommes und die Abbaye-aux-Dames. Diese Klöster bleiben nicht die einzigen Bauwerke: Als Herzog festigt Wilhelm seine Macht, indem er Burgen errichten lässt (in Caen, Lillebonne, Bonneville-sur-Touques …) und seine geistliche Autorität durch die Förderung des Klosterbaus in der gesamten Normandie stärkt.

1066 – Die Schlacht von Hastings
1066 ist das wichtigste Jahr für Wilhelms Karriere. Laut normannischen Chroniken hat der sterbende König Eduard von England Wilhelm seine Krone versprochen. Der angelsächsische Adelige Harald II. jedoch beansprucht die Krone ebenfalls und krönt sich zum König von England. Das lässt sich Wilhelm nicht bieten: mit ca. 7.000 Soldaten und Pferden setzt er auf mehr als 1000 Schiffen nach England über und besiegt Harald in der Schlacht von Hastings am 14. Oktober 1066. Allein hätte er eine solche Expedition übrigens nie durchführen können, denn ursprünglich besaß er nur ein einziges Schiff – die Mora, ein Geschenk seiner Frau. Am 25. Dezember 1066 lässt er sich in der Abtei von Westminster zum König von England krönen. Diese außergewöhnliche Geschichte wird bereits kurz nach der Schlacht auf dem UNESCO-Teppich von Bayeux aus dem 11. Jahrhundert festgehalten.

Ein außergewöhnlicher Reformer
Mit seiner Thronbesteigung im Jahr 1066 macht Wilhelm es sich zur Aufgabe, eine stabile und effiziente Verwaltung in England aufzubauen. Dazu entlässt er unter anderem angelsächsische Äbte und Bischöfe und ersetzt sie durch Geistliche aus der Normandie, die mit seinen Ansprüchen und Vorstellungen bestens vertraut sind. Diese normannischen Kirchenmänner prägen nach und nach auch den Baustil in England – sie stehen am Ursprung berühmter Bauwerke wie dem Tower of London sowie den Kathedralen von Norwich, Durham und Winchester.
Ein letztes Überbleibsel
Auch wenn Wilhelms Leben von heldenhaften Siegen geprägt war, endet es unter tragischen Umständen. Im Sommer 1087 wird er bei einem Gefecht gegen die Truppen des französischen Königs in Mantes-la-Jolie schwer verletzt – durch sein eigenes Pferd. Nach Rouen gebracht, liegt er dort wochenlang im Sterben, nimmt sich jedoch noch die Zeit, seine Nachfolge zu regeln. Nach seinem Tod wird er, wie er es gewünscht hatte, in der Abteikirche Saint-Étienne in Caen beigesetzt. Sein Grab ist zwar bis heute sichtbar, doch leider weitgehend leer: Es wurde 1562 während der Religionskriege geplündert und enthält nur noch den linken Oberschenkelknochen des Eroberers – alle anderen Gebeine wurden gestohlen.
Sehenswürdigkeiten aus dem Mittelalter, die mit Wilhelm dem Eroberer in Verbindung stehen
- Das Schloss Guillaume-le-Conquérant in Falaise: Ein immersiver Rundgang lässt Sie in die Geschichte der mittelalterlichen Normandie und Wilhelm des Eroberers eintauchen.
- Das Schloss von Caen: Es wurde um 1060 von Wilhelm dem Eroberer erbaut und ist eine der größten mittelalterlichen Festungen Europas. Hier befindet sich auch das Musée de Normandie.
- Die Abbaye aux Hommes in Caen: Sie wurde von Wilhelm selbst gegründet, und dort liegen auch seine letzten Überreste begraben. Sie ist ein Meisterwerk der romanischen Architektur.
- Die Abbaye aux Dames in Caen: Sie wurde von Mathilde von Flandern, der Gattin Wilhelms, gegründet und vervollständigt den großen religiösen Komplex, der nach dessen Eroberung errichtet wurde.
- Die Kathedrale und der Teppich von Bayeux: Die Kathedrale Notre-Dame von Bayeux wurde 1077 in Anwesenheit Wilhelms geweiht. In Bayeux befindet sich auch das Museum des berühmten Teppichs von Bayeux, ein beeindruckendes mittelalterliches Werk, das die Eroberung Englands im Jahr 1066 nacherzählt (Beachten Sie: Das Museum ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen und der Teppich befindet sich aktuell im British Museum in London. Die Wiedereröffnung des neuen Museums ist für 2027 geplant.)
Weitere Empfehlungen
- Die Ruinen der Burg von Domfront und ihr Panoramablick auf die Stadt.
- Das Künstlerdorf „Guillaume le Conquérant“ in Dives-sur-Mer.
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In der Normandie und über die Grenzen hinaus wird das tausendjährige Jubiläum von Wilhelms Geburt mit einem großen Kulturprogramm gefeiert werden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
In welchem Alter wurde Wilhelm Herzog der Normandie?
Als sein Vater 1035 starb, wurde Wilhelm im Alter von nur 8 Jahren Herzog der Normandie.
Wann ist Wilhelm der Eroberer gestorben?
Auch wenn Wilhelms Leben von heldenhaften Siegen geprägt war, sollte er unter tragischen Umständen sterben. Im Sommer 1087, als er in Mantes-la-Jolie gegen die Truppen des Königs von Frankreich kämpft, wird er von seinem eigenen Pferd schwer verletzt. Nach Rouen gebracht, liegt er dort mehrere Wochen im Sterben, trifft jedoch zuvor Vorkehrungen, um seine Nachfolge zu regeln. Nach seinem Tod wird er seinem Willen entsprechend in der Abteikirche Saint-Etienne in Caen beigesetzt.
Wo befindet sich das Grab von Wilhelm dem Eroberer?
Sein Grabmal ist noch immer in der Abteikirche Saint-Étienne in Caen (oder Abbaye aux Hommes) zu sehen. Da es 1562 während der Religionskriege geplündert wurde, enthält es nur noch den linken Oberschenkelknochen des Eroberers; alle anderen Gebeine wurden entwendet.
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