Der längste Tag

Der zweite Artikel von Guido Knopp berichtet zum einen über die Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie, zum anderen über den 6. Juni 2014 - 70 Jahre danach.

- Der 6. Juni 1944 ist sowohl der Tag der Entscheidung als auch der Beginn der Befreiung...

Liebe Normandie-Liebhaber,

Es war Dienstag, der 6. Juni 1944 – „D-Day“, „Dooms Day“, der Tag des „Jüngsten Gerichts“. Die Alliierten traten zum Sturm auf die „Festung Europa“ an, um gegen Hitler die zweite Front auf dem Kontinent zu eröffnen. An fünf Küstenstreifen stürmte eine Streitmacht von über 150 000 Mann an Land. Im amerikanischen Angriffsabschnitt „Omaha“ tobte ein Inferno – in den Sektoren „Utah“, „Cold“, „Juno“ und „Sword“ stießen die Soldaten auf weniger Gegenwehr der Deutschen. Insgesamt bestand die Invasionsarmee aus 2,8 Millionen Mann. Das Hauptkontingent stellten Amerikaner, Briten und Kanadier, unterstützt von französischen und polnischen Einheiten. Sechshundert Kriegsschiffe eskortierten die Landungstruppen.

Es war Dienstag, der 6. Juni 1944 – „D-Day“, „Dooms Day“, der Tag des „Jüngsten Gerichts“.

Schon gegen drei Uhr morgens bebte in der Normandie die Erde. Tausende alliierte Flieger klinkten ihre tödliche Fracht aus. Meter um Meter Boden wurde umgepflügt, Dämme, Dünen und Strände regelrecht aufgewühlt. Bei Tagesanbruch setzte der Beschuss von der Seeseite her ein. Schwere Schiffsgeschütze nahmen die deutschen Befestigungen unter Feuer. Viele Batteriestellungen barsten wie Zigarrenkisten. Im Hinterland errichteten Fallschirmspringer Brückenköpfe.

Um 6.30 Uhr erreichten schließlich die ersten Landungsboote den Strand. Als die gigantische Flotte in der Morgendämmerung vor der Calvados-Küste auftauchte, bestand für die deutschen Beobachtungsposten kein Zweifel mehr: Das ist sie, die lang erwartete Invasion! Der 22jährige Leutnant Werner Fiebig traute seinen Augen nicht: „Als der Tag anbrach, erkannten wir auf See die dunklen, unheilvollen Umrisse einer Masse großer Schiffe. Es waren so viele, dass das Meer fast schwarz aussah. Als es heller wurde, lösten sich aus dieser Masse Truppentransporter, Landungsschiffe und Hunderte von Sturmbooten, sie kamen direkt auf uns zu.“

Zwar hatten die Alliierten nicht alle Ziele erreicht, doch die beiden Befehlshaber Eisenhower und Montgomery konnten mit dem Ergebnis zufrieden sein. Der Sprung auf den Kontinent war geglückt. Am 10. Juni gelang es den Invasionstruppen, die Deutschen aus dem gesamten Küstenabschnitt zu verdrängen und ihre Landeabschnitte miteinander zu verbinden. Künstliche Häfen wurden errichtet, Tag für Tag riesige Mengen an Kriegsmaterial und Truppen ausgeladen. Die gewonnene Frontlinie wurde Ausgangsbasis für die entscheidenden Offensiven in Richtung Süden und Westen. Die zweite Front, die die Alliierten ihren sowjetischen Verbündeten versprochen hatten, war Wirklichkeit geworden.

Hitler hatte einmal gesagt, dass der Krieg verloren sei, falls es dem Feind gelänge, in Frankreich Fuß zu fassen. Jetzt, da die Invasion gelungen war, wollte er davon nichts mehr wissen. Er zeigte sich davon überzeugt, den „längsten Tag“ rückgängig machen zu können. Doch die Befreiung Westeuropas war nur noch eine Frage der Zeit.

Heute ist der Lärm der Schlachten längst verklungen, an den Stränden der Normandie hört man nur noch das Schreien der Möwen. Das Meer ist ruhig und friedlich. Spannung bringt freilich das Kommen und Gehen der Organisatoren für die große Gedenkfeier am 6. Juni 2014: 70 Jahre nach dem „längsten Tag“ feiert die Normandie die alliierte Landung als Beginn der Freiheit für Europa. Das macht die Normandie in diesen Tagen zu einem Ort der guten europäischen Geschichte. An der offiziellen Gedenkfeier am 6. Juni nehmen nicht nur die Queen und Barack Obama teil, sondern auch zahlreiche weitere Staatschefs – und Angela Merkel als Vertreterin eines Landes, das letzten Endes ebenfalls befreit wurde. Die Botschaft des Ereignisses ist offenkundig: Freiheit und Frieden sind zwei Seiten einer Medaille. Und so werden auch über den gesamten Sommer 2014 zahlreiche weitere Gedenkveranstaltungen, Ausstellungen, Feuerwerke und Paraden in der Normandie stattfinden. Deren Ziel ist es, die Veteranen, Gefallenen und zivilen Opfer zu ehren – und die Werte Freiheit und Frieden der jüngeren Generation zu vermitteln. Vive la Liberté! Vive la Paix! Vive la Normandie!