Schmuckstück der Hauptstadt der Normandie, Muse für Claude Monet, letzte Ruhestätte großer normannischer Persönlichkeiten -majestätisch erhebt sich die Kathedrale von Rouen seit über 900 Jahren über die Altstadt von Rouen. Gemeinsam mit unseren Kindern Lukas (10) und Anna (8) erkunden wir die Kathedrale und entdecken ihre Geschichten und Geheimnisse. Folgen Sie uns auf den Spuren von Rollo dem Wikinger oder Richard Löwenherz und erfahren Sie, was es mit dem „Butterturm“ auf sich hat.

Die höchste Kathedrale Frankreichs

Mit großen Augen, die Köpfe in den Nacken gelegt, versuchen unsere Kinder Lukas und Anna die immense Größe der Kathedrale von Rouen zu erfassen. „Mama, die Kathedrale ragt bis in den Himmel!“, ruft Lukas, und ich muss ihm zustimmen. Auch Christian und ich verlieren uns in dem Meisterwerk aus tausenden filigranen Figuren, Torbögen und kunstvoll geschwungenen Verzierungen. Im Reiseführer lesen wir, dass die gotische Kathedrale von Rouen zum Großteil im 12. und 13. Jahrhundert erbaut wurde und Elemente der Früh- bis in die Spätgotik kombiniert. Mit 151 Meter Höhe ist die Kathedrale von Rouen außerdem die höchste Kirche Frankreichs. Sie ist das Prestigeobjekt des mittelalterlichen Rouens, Handelszentrum des stolzen und einflussreichen Herzogtums der Normandie. Wir sind uns einig – von dieser Kathedrale geht ein ganz besonderer Zauber aus.

Der Butterturm und die Sünden der Normanninnen und Normannen

„Warum ist der rechte Turm gelb und warum sieht er so anders aus?“, möchte Anna wissen. Sie hat recht, der Großteil der Kathedrale ist aus schneeweißem Stein, aber der rechte Turm leuchtet in warmen Gelbtönen. In der Tourist-Information, die direkt gegenüber der Kathedrale von Rouen liegt, hilft man uns weiter. Der sogenannte „Butterturm“ wurde im 15. Jahrhundert errichtet, also rund 300 Jahre, nachdem mit dem Bau der gotischen Kathedrale begonnen wurde. Der spätgotische, verspielte Flamboyant-Stil lässt ihn deshalb anders aussehen. Außerdem konnten die Baumeister im 15. Jahrhundert nicht mehr auf den lokalen, hellen Stein zurückgreifen, sondern bauten den Turm mit den cremefarbenen Steinen aus der Nachbarregion Nordfrankreich.

Der Spitzname „Butterturm“ jedoch hat mit der Finanzierung des Turms zu tun. Dieser wurde nämlich dank des sogenannten „Fastenalmosen“ errichtet. Geldsorgen begegnete die Kirche des Mittelalters nicht nur in Rouen damit, dass sie bestimmte Lebensmittel als „Sünde“ definierte, die man zur Fastenzeit nur essen durfte, wenn man ein Fastenalmosen zahlte, quasi eine Art Ablassbrief erwarb. Kurzerhand wurden in der Normandie alle Milchprodukte, inklusive der guten normannischen Butter, von der Kirche als sündige Schlemmerei deklariert. Wenn die Normannen ihre Butter mit gutem Gewissen essen wollten, so mussten sie dafür zahlen – und finanzierten so den „Butterturm“.

Claude Monet und die Kathedrale von Rouen

Die Fassade der Kathedrale verzauberte auch einen der größten Maler des Impressionismus. Claude Monet malte die Kathedrale von Rouen im Jahr 1892 und 1893 insgesamt über 30-mal und machte die Kathedralen-Serie als impressionistisches Meisterwerk in Frankreich und der Welt bekannt. Meist arbeitete Monet an bis zu 14 Gemälden der Kathedrale gleichzeitig. Auf diese Weise fing er die verschiedenen Lichtstimmungen auf der Fassade je nach Tageslicht und Jahreszeit ein. Sein provisorisches Atelier befand sich im Obergeschoss der heutigen Tourist-Information von Rouen.

Im Inneren der Kathedrale: Die Geheimnisse des Chorgewölbes

Nachdem wir so viel über die Fassade der Kathedrale gelernt haben, können wir es kaum erwarten, das Meisterwerk von innen zu sehen. Kaum fällt hinter uns die schwere Tür ins Schloss, ändert sich die Stimmung völlig. Die Geräuschkulisse der lebendigen Fachwerkaltstadt von Rouen macht Platz für beinahe greifbare Ruhe und eine geheimnisvolle Stimmung. Das Licht, das durch die bunten Glasfenster der Kathedrale fällt, malt bunte Farbtupfer auf den Kirchenboden, als wir uns dem wunderschönen Chor nähern. In der Stille ruhen seit Jahrhunderten zwei der größten normannischen Persönlichkeiten: der Wikinger Rollo, der erste Herzog der Normandie, und Richard Löwenherz, der sein Herz in Rouen begraben ließ. „Stellt euch vor, wer hier schon langgelaufen ist, so, wie ihr es jetzt tut“, sagt Christian zu Anna und Lukas, während das Mittelalter der Normandie vor unseren Augen lebendig wird.

Ein magischer Moment im Sommer: Die Kathedrale des Lichts

Die beleuchtete Kathedrale von Rouen ist zu jeder Jahreszeit bezaubernd. Da wir im Sommer in der Normandie unterwegs sind, kommen wir jedoch in den Genuss eines ganz besonderen Lichtspektakels. Bei dem kostenlosen Open-Air Event „Kathedrale des Lichts“ wird die Fassade der Kathedrale bei Einbruch der Dämmerung mit Sound- und Lichteffekten phänomenal beleuchtet. Wir reisen zu den Wikingern, auf den Spuren von Johanna von Orléans oder von Wilhelm dem Eroberer, zum Impressionismus oder in ganz neue Welten und sind live dabei, wenn die Kathedrale von Rouen einmal mehr die Menschen mit ihrer Magie verzaubert.

Das Mittelalter  mit Kindern entdecken

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